Dienstag, 26. November 2013

Der Mann mit der Laterne

Wir waren an einem Ort ohne Zeit und durchquerten Hand in Hand die Dunkelheit, welche da errichtet war aus Nachtgedanken und Selbstzweifeln. Die Sonne schien hell, doch die Brillengläser unseres Egos waren so dunkel, dass wir annahmen, es wäre Mitternacht.
Der Vollmond schien auf unsere von Sinnsuche fettigen Scheitel und wir wunderten uns, wo dieser Anflug von Wärme nur herrührte, denn unser Herz lag im Winterschlaf. Seine Eiskristalle bescherten unseren Gemütern Frost, so dass wir nicht merkten, dass wir laufen konnten und stattdessen schnaubend auf einer Stelle traten. Wir warteten auf den Mann mit der Laterne, doch wussten wir nicht, dass unsere Brillen ihn unsichtbar machten und wir so seinen Schatten nur zu erahnen vermochten.
Wir ernährten uns von schwarzen Gänseblümchen und lachten, weil sie nach Mondschein schmeckten und unser Tanz war der des Salzwassers auf unseren Wangen.
Verzweifelt kramten wir in unseren Taschen nach Spiegeln, doch wir fanden nur unterbelichtete Fotografien, die wir dem Wind schenkten. Der trug sie fort, in ihre Heimat, ein vergangenes Land.
Und nun stehen wir hier, mit dem letzten Foto. Sollen wir wirklich so selbstlos sein und dieses dem Wind geben? 
Vielleicht mag der Mann mit der Laterne keine Fotos…

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Schlachtfest

Nimm' mein Herz - los, so nimm' es - ich selbst bin nicht wert, eines zu besitzen, so reiße ich es mir aus, bei lebendigem Leibe, gewahr des süßen Geruchs des plätschernden Saftes; tropfenwiese zu Boden fallend, wie ein freundlicher Sommerregen, der in Hagel mündet. 
Du willst es nicht? So werde ich es dir schmackhaft machen, ich werde es dir zubereiten, und du wirst es essen, ganz und gar - bittersüße Liebesschreie seien das Gewürz, heiße Tränen der Sehnsucht der Bouillon - Beilage sei meine Seele - ich werde sie abschmecken für dich, du sollst nur die reinsten, strahlendsten Stücke haben, du sollst die Sonne essen, die Hoffnung, die Inbrunst, die mich am Leben hält; der unbekannte Herzenswunsch mit der kalten Porzellanmaske soll dein Aperitif sein, der Herzenswunsch, der meinem Gemüt einst das Laufen lehrte. 
Ich will mich schlachten, ich will ausbluten, du sollst nicht verhungern - und selbst, wenn du satt bist, so nimm' es als Vorrat - denn kann ich nicht mit dir sein, so will ich gar nicht sein, so will ich kein Blut in meinen Arterien; meine Aorta soll im Feuer meiner Liebe verbrennen, verdampfen, sie soll Asche sein - so bitte, nimm' dieses Präsent, heiß, dampfend, und iss' es, so lang es noch schlägt. 

Geistesstumm


Sie faltete die Hände, um zu beten, um dem kalten Feuer im Torso Einhalt zu gebieten.
Sie wollte Gott bitten, Gott, die Engel, Jesus, irgendetwas Heiliges, Hauptsache nicht von dieser Welt, ja, sie wollte um ihre Emotionen flehen.
Sie wollte flehen, dass man sie ihr zurückbringen möge - nicht sofort, nicht in deren Gesamtheit,
doch aber zumindest einen Anflug davon.
Einen Anflug von Gefühl, sei es Körperlichkeit, sei es Freude, sei es Zorn, sei es Hass.

So faltete sie die Finger, versank im rhythmischen Druck der Nägel auf ihrer Haut,
formulierte einen Gedanken so kurz wie das Leben - und auf der Stelle versank er im Schlamm ihrer Depersonalisation:
Ihr Geist war zu stumm zum Beten - Gott würde sie nicht hören können ohne Gefühl.

Amnestie

Lasst ab - so bitte lasst doch ab! Lasst ab von den güldenen Ketten meiner Geisteskrankheit!
Mein Liebster trägt den Namen Irrsinn, ja, um nichts in der Welt will ich scheiden von ihm!
Was geschähe denn, wenn er mich verließe? Wär' ich dann rein und klar? Lasst ab! Ich bin es nie gewesen; selbst der kleinste Anflug des Gedanken von Normalität brüht in mir die Emotion eines Alptraums - so bitte lasst ab! Ich liebe sie, ich liebe ihn, und verließen sie mich, so wäre dies mein Tod - ein Tod, der in seichtem Geschwafel endet, in Geschwafel von der Vorstellung, die ihr Leben nennt.
Lasst ab, so bitte lasst ab! Ich will nicht sterben - oder, um es in eurer Sprache zu artikulieren:
Ich will nicht leben. Bitte lasst ab.

Pink

Das Leben... besteht nicht nur, so wie viele meinen, im metaphorischen Sinne aus schwarz und weiß und all' den Grautönen dazwischen - in Wirklichkeit... gibt es nur pink.

Schabernack

Komm'! Komm' in uns'ren Reigen der Un- und Missverstandenen und tanz' mit uns
im Zwielicht der Lebensmüdigkeit.
Hüte dich, ein Leuchtturm zu sein, denn schnell wirst du merken, wie dein Licht verglüht;
verglüht im Dunste des Wahnsinns, so dass du Verderben nicht mehr von Glück zu unterscheiden vermagst.
Sing' das Lied des Salzwassers und erhebe stolz dein Haupt entgegen der Norm; schenk' ihr einen
herzhaften, ehrlichen Blick der Verachtung und bade dich in melancholischer Depression.
Jede Frage die du stellst, wird schwanger von Unendlichkeit und versengt sich selbst
in der Tiefe, in der Weite und im kalten Feuer deines unergründlichen Seins.
Komm'! So komm', komm' und spiel' mit uns - wir lieben sie, die Abfallprodukte des Zeitgeistes,
die Missgeburten, die Kinder des Zwangs, der missglückten Anpassung und des Versagens.
Der Fluch der Menschen ist uns fremd - oh' süße Absurdität, gib' uns von deiner Muttermilch!
Wir lieben dich, von ganzem Herzen, so klar und wahr wie das rote Blut - so bitte komm'!
Komm', komm' und spiel' mit uns!

Indifference

Am schmerzvollsten sind die Tränen, die nicht geweint werden können; nicht geweint werden wollen. Und gebärt die Sehnsucht nach emotionaler Mündigkeit doch eine dieser heißen, der Tiefsee einer unheilvollen Gleichgültigkeit entstammenden Tropfen, so fühlen sie sich an wie frisches Blut,
welches die Wangen hinabrinnt und wie ein Rouge die Blässe des eigenen Geistes schöner aussehen lässt.